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Göttingen, Stadt, Tonkuhlenweg 30, Klingebiel-Zelle

Gefängniszelle · Einzeldenkmal · Göttingen, Stadt

Zelle 117, sog. "Klingebiel-Zelle" mit künstlerischen Ausmalungen von Julius Klingebiel im ehemaligen Verwahrhaus ("Festes Haus") Göttingen, Südflügel, erstes Obergeschoss. Das zweiflügelig in einem Winkel angelegte, zweigeschossige Gebäude Tonkuhlenweg 30 wurde 1909 – in engem wirtschaftlichem Verbund mit der benachbarten Heil- und Pflegeanstalt – als „Verwahrungshaus“ eröffnet und sollte der Unterbringung „insozialer Geisteskranker der ganzen Provinz Hannover“ dienen. Das wegen seiner gefängnishaften Ummauerung später auch als „Festes Haus“ bezeichnete Gebäude war zuletzt bis 2016 eine Außenstelle des Maßregelvollzugszentrums Niedersachsen in Moringen.
Von 1940 bis 1963 war im „Festen Haus“ Göttingen der Schlosser Julius Klingebiel (1904-1965) untergebracht. Klingebiel war 1939 auffällig geworden, als er innerfamiliäre Drohungen aussprach. Er lebte anschließend bis zu seinem Tod in Heil- und Pflegeanstalten, wurde zwangssterilisiert, überlebte aber die Euthanasieprogramme der Nationalsozialisten. 1947 bis 1959 war Julius Klingebiel in der Zelle 117 des „Festen Hauses“ Göttingen festgesetzt und begann hier 1950 mit einfachsten Materialien auf seiner Zellenwand künstlerisch zu arbeiten, wobei er viele Wandflächen mehrfach übermalte. Seine Themen stammen aus Politik, Technik, Landschaft und Tierwelt und sind gegenständlich figuriert. Politiker, Firmennamen, Wappen, Uniformen tauchen auf. Teilweise werden kleinteilige Symbole wie Wappen, aber auch Uniformmützen und Figuren zu komplexen Mustern zusammengestellt. Außerdem handelt es sich um umrahmte, geschlossene Gemälde mit Tiergestalten, vor allem Hirschen, und großen Landschaften. Immer wieder erscheinen Kreuze und Geweihe, aber auch Frauengestalten, Katze, Tiger oder technische Gegenstände, Flugzeuge und Schiffe. Die Muster erinnern an Bilder von Adolf Wölfli (1864-1939, geisteskranker Künstler in der Schweiz). Außer den Wandbildern sind mehrere Original-Tuschezeichnungen, Aquarelle und ein Scherenschnitt von Klingebiel erhalten, wie diese zeigen auch die Wandbilder der Zelle eine realistische, zugleich von Symbolen durchzogene phantastische Malerei, die volkstümlich, aber nicht naiv wirkt und teilweise an mittelalterliche Formen, teilweise aber auch an Motive aus der Werbung erinnert. Julius Klingebiel, der von ehemaligen Mitarbeitern des Krankenhauses zeitweilig als verwirrt und erregt, dann aber als zugänglich beschrieben wurde, lebte ganz in seiner Bilderwelt. Bei Visiten und Besichtigungen erklärte er die phantastischen Inhalte im Detail und in weitreichenden gedanklichen Zusammenhängen. Nach Einführung der ersten Neuroleptika hat er vermutlich Anfang der 1960er Jahre Medikamente erhalten und wurde seither als ruhiger und geordneter beschrieben. Er stellte das Malen ein, wurde 1963 auf andere Stationen der Anstalt verlegt und verstarb 1965 in Göttingen. Dank der Aufmerksamkeit von Ärzten und Pflegern wurde die Zelle Nr. 117 nach Klingebiels Auszug nicht mehr dauerhaft belegt, so dass die Malereien fast vollständig erhalten blieben.
Die Originalzelle ist nicht öffentlich zugänglich; die Zellenabmessungen betragen ca. 2,40 m Breite, ca. 4 m Tiefe und ca. 3 m Höhe. Die Wände sind bis ca. einen halben Meter unter der weißen Vouten-Decke vollständig bemalt. Der Linoleumboden ist modern. Tür und Fenster (ehemals einfachverglast, jetzt mit moderner Sicherheitsverglasung) sind bauzeitlich, ebenso das Oberlicht und die Lüftungsgitter. Ende der 1980er-Jahre wurden Sanitäreinbauten (WC, Waschbecken) an der Ostwand angebracht.

Denkmalschutz-Kennung
Gemarkung Göttingen
Adresse
Tonkuhlenweg 30
Gemarkung
Göttingen

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Quelle: Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege, Denkmalatlas Niedersachsen (Lizenz CC BY-SA)