Göttingen, Stadt, Goßlerstraße 13, Akademische Burse
Zweigeschossige Anlage unter Satteldächern, bestehend aus einer Vierflügelanlage mit Wohnhof und anschließendem Südtrakt. Erbaut als Studentenwohnheim „Akademische Burse“ zwischen 1946 und 1953 auf Initiative von Archäologieprofessor Erich Boehringer nach Plänen des Göttinger Architekten Diez Brandi.
Der nördliche Wohnhofbau (Bauabschnitte I.-IV.) ist eine von außen trutzig und geschlossen wirkende, zweigeschossige Vierflügelanlage mit Bruchsteinfassaden und weitüberstehenden Satteldächern mit nur wenigen Gauben und bündig eingebauten, kleinen Fenstern in Sandsteingewänden. Aufgelockert werden die langen Fassaden durch turmartige Vorsprünge, die wie Ergebnisse einer langen Baugeschichte wirken. Ganz anders dagegen ist die Anmutung der nach innen zum Wohnhof gerichteten Fassaden, die auch zeigen, dass Grundrisse und Zimmer aller vier Flügel unterschiedlich konzipiert sind. Das Prinzip der unterschiedlich angeordneten Flure führt dazu, dass der nördliche Flügel zum Hof lange Balkonbänder mit großen Fenstern aufweist, während das Pendant auf der Südseite Laubengänge zeigt. Die beiden Flügel im Osten und Westen sind ohne Balkone und weisen dafür größere Fenster nach Westen bzw. Süden auf. Im Inneren sind alle ursprünglichen Grundrisse erhalten bzw. ablesbar; teilweise sind bauzeitliche Türen, Einbauschränke und (außer Funktion gesetzte) Kaminöfen erhalten. Der unmittelbar nach Süden anschließende Trakt (Bauabschnitt V.) mit Backsteinfassaden ist das geplante „Herzstück der Burse“, setzt eine ganz ähnliche Baukörper- und Dachbildung fort, weist aber größere Fenster auf, die auf der westlichen Seite sogar zu einer besonders großzügigen Belichtung mit paarweise angeordneten, bodentiefen Fensteröffnungen führen. Hier ergibt ein zusätzliches Souterrain teilweise ein dreigeschossiges Erscheinungsbild. Dieser Gebäudetrakt enthält im Inneren neben einem besonders breiten Verbindungsflur im Erdgeschoss auch größere Gemeinschaftsräume wie Bibliothek, Musikzimmer und Übungszimmer, die durch offene Kamine ausgezeichnet sind. Im Souterrain gab es einen Speisesaal. Daran schließt sich südlich der Eingangstrakt mit dem Haupttreppenhaus und dem nach Osten vorspringenden, ebenfalls zweigeschossigen Trakt der sog. ‚Nase‘ an (Bauabschnitt VI.), der oben Studentenzimmer und im Erdgeschoss Räume für den Pförtner, die Verwaltung und ein großes Zimmer des „Abtes“ (Boehringer) als Wohnheim-Vorsteher enthielt. Die große Eingangshalle mit Pförtner-Loge und offenem Kamin leitet nach Süden über zu einer großen Diele mit der Haupttreppe, die geschwungen vom Keller (Souterrain) aus über alle Geschosse nach oben reicht.
Die Architektur der Akademischen Burse war zunächst traditionellen Bauformen verpflichtet, denn die zweigeschossige Vierflügelanlage des großen nördlichen Wohnhofs zeigte mit sichtbarem Bruchsteinmauerwerk, Treppentürmen, mächtigen Schornsteinen und Fachwerkelementen Anklänge an mittelalterliche Burgenarchitektur. Die bauliche Süd-Fortsetzung der Bauabschnitte V.-VI. dagegen weist bei grundsätzlich ähnlichen Baukörpern Fassaden aus rotem Backsteinmauerwerk auf, das in typischer Brandi-Art mit einer Mörtelschlämme dünn überzogen wurde. Nur der letzte Bauabschnitt VI. (Flügel ‚Nase‘) neben dem Haupteingang wich auch in der Baukörpergestaltung ab und zeichnete sich durch zeitgenössisch modernere Elemente wie knappe bis fehlende Dachüberstände, äußerst filigrane Balkongestaltungen und ein typisches 1950er-Jahre-Treppenhaus aus.
Das Studentenwohnheim entstand unmittelbar im Anschluss an den Zweiten Weltkrieg, als man der katastrophalen Wohnraumsituation in Göttingen zu begegnen suchte. Die Initiative zur Errichtung eines Wohnheims für bedürftige Studenten und Dozenten ging von Erich Boehringer aus, der ehrenamtlich als Geschäftsführer des Akademischen Hilfswerks eine „Akademische Burse“ (wobei sich dieser Begriff auf das historische Vorbild der Bursen, also studentischen, streng reglementierten Wohn- und Lebensgemeinschaften, wie sie vom Hochmittelalter bis in das 17. Jahrhundert in Universitätsstädten bestanden, bezieht) als gemeinnützige Stiftung schuf und dann nach Plänen des Göttinger Architekten Diez Brandi erbauen ließ. Speziell vorbildlich wurden englische Colleges und Students‘ Halls, die Boehringer auch 1950 auf einer Studienreise ausgiebig besichtigte. Das Gemeinschafts-Konzept drückte sich auch in Sammelaktionen, Einwerbung von kostenlosem Baumaterial und Selbsthilfe beim Bauen aus. Vorbereitung und Bauzeit waren von einer komplizierten Planungsgeschichte geprägt, in der auch mehrere, teilweise räumlich weit ausgreifende Planungen für bis zu 350 Bewohner untersucht wurden. Die Baugenehmigung von 1946 war noch für ein Projekt mit zehn gereihten, kleineren Wohnhöfen erteilt worden, das im Juli 1946 begonnen wurde. Aus Kostenersparnis griff man in den ersten vier Bauabschnitten für das Fassadenmaterial auf den einheimischen, gelblich-rötlichen Sandstein zurück, der kostenlos in Steinbrüchen bei Adelebsen und Bremke gebrochen werden durfte. Noch während der Fundamentarbeiten wurde die Planung zugunsten eines Gebäudekomplexes mit zwei großen Wohnhöfen geändert, der dann aber nur teilweise ausgeführt wurde. Die Bauarbeiten begannen mit dem nördlichen Wohnhof (Bauabschnitte I. bis IV.) für Studentenzimmer und dauerten dort bis 1952. Der südliche Trakt (Bauabschnitte V. und VI.) mit Gäste- und Dozentenzimmern, Gemeinschaftsräumen sowie weiteren Studentenzimmern entstand 1951 bis 1953 unter Verwendung von unterdessen erhältlichen Backsteinen für die Fassaden und wurde durch eine Ende 1950 eingegangene US-amerikanische McCloy-Spende von 290.000 DM unterstützt. Nicht realisiert wurden ursprüngliche Pläne zu einem ‚Claustrum‘ zur Examensvorbereitung und zu einer Kapelle. Im April 1949 zogen die ersten 52 Studenten und zwei Dozenten ein. Schließlich fertiggestellt wurden rund 165 Zimmer und Kleinwohnungen für Studenten, Tutoren und Dozenten. 2002 übernahm das Studentenwerk Göttingen die ‚Akademische Burse‘.
- Denkmalschutz-Kennung
- Gemarkung Göttingen
- Adresse
- Goßlerstraße 13
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Quelle: Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege, Denkmalatlas Niedersachsen (Lizenz CC BY-SA)