Göttingen, Stadt, Berliner Straße 28, Naturhistorisches Museum
Ehemaliges Naturhistorisches Museum der Universität Göttingen, erbaut 1873-1879 nach Plänen von Alfred Lipschitz und Albert Kortüm an der früheren Bahnhofspromenade (jetzt verändert: Berliner Straße). Breitgelagerter, dreigeschossiger Bau im Neorenaissancestil; vorne mittig der Eingangsportikus mit Freisäulen und Freitreppe, rückwärtige Flügelanbauten von 1901-1909.
Das Naturhistorische Museum Göttingen war ursprünglich eine Kombination aus Universitätsmuseum und Institutsgebäuden der Georg-August-Universität sowie die Nachfolgeinstitution des Königlich Academischen Museums. Der außerhalb der Wallanlagen zwischen dem Tierärztlichen Institut und der Anatomie in Nähe des Bahnhofes 1873-1879 errichtete Museumsbau entstand nach Entwürfen der Berliner Architekten Alfred Lipschitz und Albert Kortüm. Vorangegangen waren ab 1867 Planungen des noch in der hannoverschen Bautradition stehenden Göttinger Universitätsbaumeisters Friedrich Doeltz. Der umgeplante Neubau markierte den Beginn des preußischen Hochschulbaus in Göttingen. Er stand „als Gemeinschaftsbau für verschiedene deskriptive Naturwissenschaften noch ganz in der Tradition der naturhistorischen Sammlungen“ (Dieter Nägelke 2002, 330). Denn trotz der Bezeichnung als „Museum“ sollten auch alle Funktionen von auf Forschung und Lehre ausgerichteten Universitätsinstituten mit aufgenommen werden. Im Neubau waren ursprünglich drei Institute strikt voneinander getrennt untergebracht: Im Erdgeschoss im Süden die Mineralogie und im Norden die Paläontologie mit einer angegliederten Provinzialsammlung, die in einem ursprünglich rückwärtigen Rundanbau untergebracht war. Im ersten Obergeschoss lag die Zoologie, darüber befanden sich zoologische Sammlungen. Das Sockelgeschoss diente mit chemischem Labors und Dienerwohnungen für alle drei Institute. Im symmetrisch gegliederten Außenbau ist die ursprüngliche Funktionsdreiteilung nicht erkennbar, sondern wird in zwei bauzeitlichen Inschriftentafeln auf „Geologie“ und „Zoologie“ verkürzt. Die Raumdispositionen des Naturhistorischen Museums und die eigens entwickelten Sammlungsschränke sind bald nach der Fertigstellung musterhaft in der Architekten-Fachliteratur (u.a. im Handbuch der Architektur) veröffentlicht worden.
Den breit gelagerten, dreigeschossigen Baukörper auf einem hohen Sockelgeschoss dominiert ein elfachsiger Mittelrisalt mit höherem zweitem Obergeschoss, den außen schmale Seitenrisalite flankieren; die Fassaden erscheinen in einem „renaissancehaften Rundbogenstil“ (Nägelke 2002, 331). Die Steinmaterialien sind differenziert eingesetzt: Sockel- und Erdgeschossfassaden sind aus rötlichen Sandsteinquadern, darüber aus einem gelblichen Sandstein. Hauptblickpunkt und Mittenbetonung der straßenseitigen Fassade ist der vortretende Portikus mit Freisäulen und einer vorgelagerten Freitreppe. Die zwei schmückenden Figurennischen in den Seitenrisaliten sind heute leer. Ursprünglich gab es flachgeneigte Walmdächer. Vor der Ostfassade bestand ein Schmuck-Vorgarten mit einer Einfriedung.
1901-1909 erfolgten rückseitig drei Flügelanbauten für Lehr- und Studienräume sowie Labore und Büros, wobei auch der ursprüngliche Rundanbau der Provinzialsammlung ersetzt wurde. Der vor 1909 nochmals in ebenfalls angepassten Fassadenformen verlängerte Nordflügel erhielt einen großen Hörsaal. Das Museum gliederte sich nun in die vier Abteilungen Mineralogie/Geologie, Zoologie, Anthropologie und Ethnographie. Bis Ende der 1930er Jahre waren die anthropologischen, ethnologischen und geowissenschaftlichen Sammlungen aus dem Museum ausgezogen. Seitdem befand sich weiterhin das Zoologische Museum der Universität mit seinen umfangreichen Sammlungen im Gebäude, was im Inneren eine starke architektonische Überformung durch Einbauten mit sich brachte. Die damit einhergehenden baulichen Veränderungen von ca. 1910 bis ca. 1960 sind im Detail ungeklärt. Für die Fassaden bedeutsam, war die Schließung des alten Hochparterre-Nordeingangs, wofür am Nordflügel um 1930 ein markanter neuer Sockelgeschoss-Eckeingang für das Zoologische Institut entstand. Im Zweiten Weltkrieg erhielt das benachbarte Anatomiegebäude einen Bombentreffer, wodurch auch der Nordflügel des Naturhistorischen Museums beschädigt wurde.
2017-2022 erfolgte ein grundlegender Umbau mit Umnutzung zum Universitätsmuseum „Forum Wissen“, unter Leitung des Universitäts-Baumanagements und geplant von einer Arbeitsgemeinschaft (Arge Forum Wissen) aus den Architekturbüros „Dr. Krause + Pfohl“ und „gildehaus.partner“, beide aus Weimar. Nach außen drückte sich die Umnutzung durch neue Dächer des Mitteltrakts samt einem voluminösen Dachaufbau mit Metallverkleidung sowie auf der westlichen Rückseite durch gestalterisch kontrastierende Anbauten aus, wofür frühere Gebäudeerweiterungen der Rückseite teilweise wieder zurückgebaut wurden. Gravierende Eingriffe in Substanz und Erscheinungsbild erfolgten durch den Umbau des Haupteingangs mit seinem repräsentativen Mittelportikus, dessen Freitreppe durch einen nunmehr barrierefreien Aufzug-Zugang zerschnitten wurde. Beim durchgreifenden Innenumbau wurde lediglich das imposante Entrée des alten Treppenhauses erhalten und im ursprünglichen Zustand freigelegt, aber farblich neu gefasst.
- Denkmalschutz-Kennung
- Gemarkung Göttingen
- Adresse
- Berliner Straße 28
- Gemarkung
- Göttingen
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Quelle: Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege, Denkmalatlas Niedersachsen (Lizenz CC BY-SA)