Göttingen, Angerstraße 14, Bodenfelder Synagoge in Göttingen
Das heutige Bauwerk der Synagoge hat eine außergewöhnliche mehrphasige Baugeschichte an zwei Standorten.
Im Jahr 1825 ließ die jüdische Gemeinde in Bodenfelde auf einem Hofgrundstück eine Synagoge errichten. Dort entstand ein annähernd quadratischer Fachwerkbau auf gemauertem Sandsteinsockel mit Walmdach. Je zwei recht hohe Segmentbogenfenster auf der Nord-, Ost- und Südseite belichteten den Innenraum. Auf der Südseite befand sich der Eingang zum Männerbereich, auf der Westseite gab es wahrscheinlich innen eine schmale Treppenanlage zur Frauenempore, die sich im westlichen Teil des Raums befunden haben wird. Die Synagoge wurde anlässlich ihres hundertjährigen Bestehens 1925 noch einmal renoviert und neu ausgemalt.
Während der Zeit des Nationalsozialismus verließen die meisten Jüdinnen und Juden Bodenfelde unter dem zunehmenden Verfolgungsdruck, die jüdische Gemeinde löste sich auf. Die Synagoge wurde 1937 verkauft und später als Scheune und Lager genutzt. Zu einer Zerstörung in der so genannten Reichspogromnach kam es, soweit bekannt, nicht. Zu einem nicht genau bekannten Zeitpunkt wurde ein Tor in die Südseite eingebrochen, Empore und Treppenaufgang verschwanden ebenso wie die Ausstattung des Betraums. 1984 erfolgte die Eintragung der ehemaligen Synagoge in das Verzeichnis der Kulturdenkmale, ihr in Teilen desolater Zustand wurde 1994 erstmals dokumentiert.
1994 gründete sich in Göttingen eine neue jüdische Gemeinde. Bald entwickelte sich der Wunsch, ein eigenes Bethaus zu errichten, und die erstmals 1995 kommunizierte Idee nahm Gestalt an, hierfür die Bodenfelder Synagoge in die Universitätsstadt zu translozieren und damit wieder als Ort und Objekt jüdischen Lebens nutzbar zu machen. Im folgenden Jahr gründete sich ein Förderverein, der die ehemalige Synagoge 1998 erwarb, zugleich wurde eine erneute Dokumentation des Bestands durchgeführt.
In den Jahren 2003/4 wurde die Translozierung geplant, aber erst 2006 umgesetzt. Dabei konnte das Objekt nicht in gesamten Wänden, sondern nur in einzelnen Wandteilen versetzt werden, was erhebliche Verluste der originalen Substanz mit sich brachte. So präsentiert sich das Objekt heute zusammengefügt aus historischen und modernen Elementen. Das Äußere vermittelt das Bild einer typischen ländlichen Fachwerksynagoge des südniedersächsisch-nordhessischen Raums, wobei die ursprünglichen Fenster- und Türöffnungen rekonstruiert wurden; die außenliegende Emporentreppe aus Stahl zeigt sich hier als modernes Element. Beim Inneren wurde keine Rekonstruktion einer historischen Synagogenausgestaltung der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts versucht, alle Einbauten wie die Empore und der Toraschrein entsprechen den zeitgenössischen Tendenzen der Jahrtausendwende. Im Fußboden wurde ein gläsernes Archäologiefenster eingelassen, um die während des Baus an Ort und Stelle entdeckten Reste einer Färberwerkstatt der Zeit um 1600 zu präsentieren.
Die Translozierung der historischen Bauteile, der Neubau in Göttingen und die Einweihung der Synagoge erlebten größte öffentliche Aufmerksamkeit. Die Einweihung fand symbolträchtig am 9. November 2008, genau 70 Jahre nach der Zerstörung der alten Göttinger Synagoge statt. Die gesellschaftliche und politische Bedeutung des Ereignisses dokumentiert sich in einer sogleich veröffentlichten Festschrift des Fördervereins, an der u.a. der damalige niedersächsische Ministerpräsidenten Christian Wulff mitwirkte.
- Denkmalschutz-Kennung
- Gemarkung Göttingen
- Adresse
- Angerstraße 14
- Gemarkung
- Göttingen
ÖPNV in der Nähe
- Göttingen Bahnhof/ZOB · 519 m
- Göttingen Angerstraße · 98 m
- Göttingen Marienstraße · 115 m
Quelle: Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege, Denkmalatlas Niedersachsen (Lizenz CC BY-SA)